17.05.2026 von Rainer Taufertshöfer
Es gibt Stellen am Körper, die sich nicht abfinden wollen. Sie heilen, sie kommen wieder, sie heilen, sie kommen wieder. Über Jahre, manchmal ein Leben lang. Und es sind nicht beliebige Stellen. Es sind immer dieselben. Knie und Ellenbogen. Die Streckseiten. Die Flächen, mit denen der Mensch der Welt entgegentritt, wenn er sich aufrichtet, sich abstützt, sich Bahn schafft oder niederkniet. Die Haut wird rot, verdickt sich, blättert in silbrigen Schuppen ab, reißt auf, beruhigt sich für eine Weile und beginnt von vorn.
Das Wort, das die Medizin dafür hat, ist Psoriasis. Es ist ein altes Wort, griechisch, und meint einfach das, was man sieht: das Jucken, das Schuppen, das Sich-Schälen einer Haut, die nicht zur Ruhe kommt. Wer sie hat, kennt sie. Sie ist da, sie geht, sie kommt wieder. Sie ist ein Wegbegleiter, der nicht eingeladen wurde und der nicht geht, wenn man ihn höflich darum bittet.
Die heutige Medizin hat viel zu bieten gegen das, was man sieht. Cremes, Salben, Lichttherapie, seit einigen Jahren teure Antikörper, die mit chirurgischer Präzision in immunologische Signalketten eingreifen. Sie wirken. Manche eindrucksvoll. Sie heilen nichts.
Und genau hier beginnt das Gespräch, das die Schulmedizin nicht führt. Nicht, weil sie es nicht könnte. Sondern weil sie es sich selbst nicht erlaubt.
Was die Dermatologie sagt
Die heutige Dermatologie versteht die Psoriasis als chronische, immunvermittelte Entzündungskrankheit der Haut. Sie ist genetisch disponiert – das HLA-Cw6-Allel allein erklärt einen erheblichen Anteil der Vererbbarkeit. Sie ist nicht ansteckend, nicht bösartig, nicht heilbar. Sie ist, in der Sprache der Lehrbücher, ein Zustand, der lebenslang besteht und mit dem man lernen muss zu leben.
Auf der zellulären Ebene hat die Forschung in den letzten zwanzig Jahren ein erstaunlich klares Bild gezeichnet. Im Zentrum steht eine bestimmte Sorte Immunzellen – die sogenannten Th17-Zellen – und das Signalmolekül, das sie freisetzen: Interleukin-17. Dieses kleine Eiweiß sendet ein Signal an die Hautzellen, das sie zu rasender Vermehrung antreibt. Die Haut wird in Tagen erneuert, was sonst Wochen braucht. Sie kommt nicht hinterher mit dem Abschuppen, sie verdickt sich, sie reißt. Die roten, schuppenden Plaques, die wir sehen, sind das sichtbare Ende einer langen molekularen Kette.
Die neue Generation der Biologika setzt genau hier an. Antikörper gegen Interleukin-17, gegen seinen Rezeptor, gegen das übergeordnete Interleukin-23. Sie greifen mit großer Präzision in den Pfad ein – und sie wirken. Die Haut beruhigt sich, oft eindrucksvoll. Solange man die Mittel nimmt.
Auf die Frage, warum gerade diese Stellen, hat die Dermatologie sogar eine Antwort, und sie ist alt. Sie heißt Köbner-Phänomen, benannt nach dem schlesischen Hautarzt Heinrich Köbner, der bereits 1872 beobachtete, dass Psoriasis-Plaques sich bevorzugt dort bilden, wo die Haut mechanisch belastet wird. Knie, an denen man kniet. Ellenbogen, mit denen man sich aufstützt. Reibung an Kleidung, Druck, kleine Verletzungen. Wo die Haut beansprucht wird, antwortet sie.
Das klingt nach einer Erklärung. Bei näherem Hinsehen ist es eine Verschiebung der Frage. Denn das Köbner-Phänomen erklärt, wo eine bereits vorhandene Erkrankung sich manifestiert, sobald sie da ist. Es erklärt nicht, warum sie da ist. Und es erklärt nicht, warum nicht jeder Mensch, der seine Knie belastet, mit Plaques antwortet. Mechanische Reizung trifft alle. Nur manche reagieren so. Die Frage, warum gerade dieser Mensch, an dieser Lebensstelle, mit dieser Antwort des Körpers, bleibt offen.
Und es bleibt eine zweite Frage offen. Eine Frage, die in keinem Lehrbuch vorkommt, weil sie nicht zellulär gestellt wird. Warum sind ausgerechnet die Stellen, an denen der Mensch mechanisch am stärksten mit der Welt verhandelt, dieselben, an denen sich etwas einschreibt, das nicht mehr aufhört? Ist das ein Zufall der Mechanik – oder verdichten sich beide Beobachtungen, die mechanische und die biographische, im selben Punkt?
Die Grenze, die entscheidet
Es gibt etwas, das die Dermatologie zwar selbstverständlich kennt, aber selten in seiner ganzen Tragweite ausspricht. Die Haut ist nicht bloß eine Hülle. Sie ist das größte Organ des menschlichen Körpers – und zugleich das größte Immunorgan. Ihre Aufgabe ist nicht in erster Linie, etwas zu bedecken. Ihre Aufgabe ist, in jedem Moment zu entscheiden, was eintreten darf und was draußen bleiben muss. Was zum Eigenen gehört und was fremd ist.
In ihren Schichten sitzt eine eigene immunologische Ausstattung. Langerhans-Zellen, dendritische Zellen, ortsständige T-Zellen, die genau diese Grenzentscheidung treffen, Tag für Tag, Stunde für Stunde, ohne dass wir davon wissen. Die Haut ist die ständig arbeitende Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt – nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinn. Physiologisch.
Wenn man das einmal gesehen hat, verändert sich der Blick auf die Psoriasis. Sie ist nicht irgendeine Entzündung an irgendeiner Hautstelle. Sie ist eine chronische Eskalation an genau jener Grenze, an der über Eigen und Fremd, über Schutz und Durchlassen entschieden wird. Eine Grenze, die nicht zur Ruhe kommt, weil das, worüber sie entscheidet, nicht zur Ruhe kommt. Damit fließen Immunologie und Biographie nicht erst in einer Deutung zusammen. Sie sind an dieser Stelle dasselbe Geschehen, in zwei Sprachen erzählt.
Die Brücke aus der Forschung selbst
Wer in den letzten Jahren die Übersichtsarbeiten zur Pathogenese der Psoriasis liest, findet eine Stelle, an der die Sprache der Dermatologie unsicher wird. Es ist die Stelle, an der die Trigger aufgezählt werden – die Auslöser, die ein erstmaliges Auftreten oder einen Schub anstoßen. Infekte stehen dort. Medikamente. Rauchen. Und an prominenter Stelle, in allen ernstzunehmenden Reviews: emotionaler Stress.
Das ist keine Esoterik. Das ist Standard. Und es ist mechanistisch ausgearbeitet, in einem Detailgrad, der überrascht, wenn man dem nachgeht.
Chronischer psychischer Stress, das hat die Stressforschung in den letzten zwei Jahrzehnten zweifelsfrei gezeigt, führt zu einer Dysregulation der sogenannten HPA-Achse – der Verbindung zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, jenem inneren Kreislauf, der den Cortisolspiegel steuert. Was anfangs eine sinnvolle Anpassung ist, wird unter Dauerbelastung zur Störung. Die Rückkopplung versagt, die Empfindlichkeit der Cortisol-Rezeptoren nimmt ab, der Körper produziert paradoxe Cortisolmuster. Und – das ist der entscheidende Punkt – das immunologische Gleichgewicht kippt.
Es kippt in eine sehr bestimmte Richtung. Die regulatorischen T-Zellen, die Toleranz vermitteln und Entzündung dämpfen, werden geschwächt. Die Th17-Zellen werden gestärkt. Interleukin-17 steigt.
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu erfassen, was er bedeutet.
Das Signalmolekül, das die Psoriasis treibt – dasselbe, gegen das die teuren Biologika sich richten –, wird durch chronischen inneren Stress vermehrt freigesetzt. Nicht metaphorisch, nicht symbolisch, sondern messbar, im Blut. Was die Dermatologie als idiopathische immunologische Entgleisung beschreibt, hat in vielen Fällen einen Ursprung, der nicht im Immunsystem liegt, sondern in einer Konfliktlage, die der Körper nicht mehr lösen kann. Die mechanische Belastung an Knie und Ellenbogen – das Köbner-Phänomen – fällt dann auf einen Boden, der bereits entzündungsbereit ist. Sie ist nicht die Ursache. Sie ist die Stelle, an der sich austrägt, was innen längst läuft.
Die Schulmedizin sieht die letzte Meile. Sie sieht den brennenden Wagen am Ende der Straße. Sie schaut nur nicht zurück, woher er kam.
Warum die Streckseiten
Und damit kehren wir zur Frage zurück, die offen geblieben war. Warum dort. Warum gerade an den Streckseiten.
Die Streckseiten sind die welt-zugewandten Seiten. Es sind die Flächen, die nach außen schauen, wenn der Mensch durch den Tag geht. Die Beugeseiten sind innen, geschützt, dem eigenen Leib zugewandt. Die Streckseiten sind das Außen. Sie sind dort, wo der Mensch mit der Welt verhandelt.
Und Knie und Ellenbogen sind nicht irgendwelche Stellen an diesen Außenseiten. Es sind die Gelenke. Die Punkte, an denen Bewegung möglich wird – und an denen Bewegung gezwungen sein kann. Es sind die Stellen, an denen sich entscheidet, ob der Mensch sich beugt oder durchsetzt, ob er nachgibt oder vordringt.
Das Knie ist der Ort des Sich-Niederlassens. Es trägt das Gewicht des aufrechten Gangs, und es ist zugleich das erste, was nachgibt, wenn man knien muss. Es gibt ein Knien aus freier Bewegung – das des Betenden, das des Liebenden, das des Gärtners. Und es gibt ein Knien, das aufgezwungen ist – das Knien vor einer Macht, der man nicht entkommt, vor einer Bedingung, der man nicht widersprechen kann. Demut, die keine ist. Beugung, die nicht aus dem Inneren kommt, sondern von außen verlangt wird. Wer sich über Jahre beugen muss, ohne es zu wollen, bei dem scheint sich diese Bewegung nicht selten irgendwann auch in den Knien einzuschreiben.
Der Ellenbogen ist die andere Bewegung. Er ist der Ort des Durchstoßens. Wer sich Platz schaffen muss, wo keiner ist, setzt den Ellenbogen ein. Wer durch eine Menge will, durch eine Konkurrenz, durch ein Feld, das ihn nicht ohne weiteres durchlässt, der drückt sich mit dem Ellenbogen voran. Der Ellenbogen ist die Geste des Sich-Behauptens, des Raumnehmens, des leisen oder lauten Kampfes durch eine Welt, die einem nichts schenkt. Wer über Jahre kämpfen muss, ohne wirklich kämpfen zu wollen, bei dem scheinen die Ellenbogen es nicht selten irgendwann zu zeigen.
Zwei Bewegungen, zwei Richtungen. Die eine geht nach unten, die andere nach vorn. Und doch ist es dieselbe Geste, von zwei Seiten gesehen. Beides ist Fremdbestimmung am Körper. Beides ist Anpassung an etwas, das nicht aus einem selbst kommt. Beides ist das Gegenteil von freier Bewegung. Und beides hinterlässt an den Stellen seine Spur, an denen die Bewegung sich vollzieht.
Narben, die nicht zur Ruhe kommen
Eine Narbe, im üblichen Verständnis, ist die Spur einer abgeschlossenen Verletzung. Etwas ist geschehen, es ist verheilt, was bleibt, ist das Zeichen. Eine Erinnerung in der Haut, die nichts mehr verlangt.
Die Stellen an Knie und Ellenbogen sind keine solchen Narben. Sie verheilen nicht. Sie verschwinden für Wochen, manchmal Monate, und sie kommen wieder. Sie sind keine Erinnerung an etwas, das vorbei ist. Sie sind die laufende Schrift einer Verhandlung, die nicht aufhört. Was sich hier einschreibt, kann nicht zur Ruhe kommen, weil das, was es schreibt, nicht zur Ruhe kommt.
In der therapeutischen Beobachtung deutet sich das immer wieder an. Menschen, die diese Stellen tragen, tragen sehr oft eine innere Konfliktebene, die nicht abgeschlossen ist. Es ist nicht die einmalige Kränkung, nicht das eine Trauma, nicht der eine Verlust. Es ist ein Dauerzustand. Eine Lage, in der etwas, das eigentlich entschieden werden müsste, nicht entschieden werden kann. Ein Müssen, das nicht endet. Ein Sich-Beugen, das jeden Morgen neu beginnt. Ein Sich-Durchsetzen, das nie zu einem Ankommen führt.
Der Körper ist geduldig. Er trägt vieles, sehr lange. Aber er ist nicht stumm. Er hat seine Sprache, und er nutzt sie, wenn die andere Sprache versagt. Wenn das, was eigentlich gesagt werden müsste, nicht gesagt werden kann, dann sagt er es selbst. An den Stellen, die zur Geste gehören. An den Streckseiten, die nach außen weisen.
Was die Schulmedizin sieht und was sie übersieht
Damit ist nicht gesagt, dass die Schulmedizin falsch läge. Sie liegt nicht falsch. Sie beschreibt mit großer Genauigkeit, was auf der Ebene der Zellen geschieht. Sie greift mit großer Wirksamkeit in den Mechanismus ein. Wer einen schweren Schub hat, wer im Gesicht erkrankt, wer in seiner Lebensqualität existenziell eingeschränkt ist, dem nimmt ein Biologikum unter Umständen ein großes Stück Last ab. Das soll hier nicht kleingeredet werden.
Aber was die Schulmedizin tut, ist eine Eskalation am Ende der Kette zu unterbrechen. Sie hält den Wagen an, der brennt. Sie löscht das Feuer nicht, weil sie nicht weiß, woher es kommt – und vielleicht auch, weil sie nicht zuständig sein will für das, was vor dem Feuer liegt. Das ist eine ehrliche Arbeitsteilung, solange man sie als solche kennzeichnet. Sie wird zum Problem, wenn sie sich für die ganze Wahrheit hält.
Denn dann wird aus einem unvollständigen Bild ein vollständig wirkendes. Dann erscheint die Psoriasis als eine Erkrankung, die im Immunsystem entsteht und dort behandelt werden muss, lebenslang, mit immer feineren Werkzeugen. Dann verschwindet die Frage nach dem Wo und nach dem Warum hinter der präzisen Antwort auf das Wie. Dann hat man eine Erklärung, die alles abdeckt und doch das Wesentliche nicht trifft.
An dieser Stelle vollzieht sich eine sprachliche Verschiebung, die viel verbirgt. Eine Medizin, die das halbe Bild sieht und dieses halbe Bild für das ganze hält, nennt sich evidenzbasiert. Eine Medizin, die das ganze Bild sieht und das Halbe darin einordnet, heißt alternativ. Das ist nicht nur sprachlich schief. Es ist eine Umkehrung der Tatsachen. Wer den Menschen in seiner Konfliktlage versteht und die Haut als deren Sprache liest, ist nicht der Alternative. Er ist der Klassische. Was sich heute als Mainstream präsentiert, ist eine sehr junge, sehr enge, sehr technisch verkürzte Sicht auf den Körper, die wenige Jahrzehnte alt ist. Sie hat sich auf das technisch Greifbare zurückgezogen und das Greifbare zur ganzen Wirklichkeit erklärt. Was ihr fehlt, nennt sie Esoterik. Das ist ein Vorgang, der historisch noch keine zwei Generationen alt ist – und der in zwei Generationen wieder anders aussehen wird.
Was die Unterdrückung kostet
Dass die modernen Biologika wirken, ist unbestritten. Sie kappen das Signal, das die Haut zur Eskalation treibt. Sie tun das mit großer Präzision. Aber das Wort kappen verdient eine Pause. Denn was hier geschieht, ist nicht Heilung. Es ist eine sehr genaue, sehr teure, lebenslang angelegte Unterdrückung einer Mitteilung des Körpers.
Wer die Fachinformationen der gängigen IL-17-Hemmer liest – Secukinumab, Ixekizumab, Brodalumab, in jüngerer Zeit Bimekizumab –, findet eine Liste, die auf den ersten Blick nicht erschreckt. Infekte der oberen Atemwege, Nasopharyngitis, Kopfschmerzen, Candida-Pilzinfektionen im Mund und an den Schleimhäuten, Gelenkschmerzen, Bluthochdruck, Juckreiz, Husten. Die meisten dieser Punkte gelten als mild und beherrschbar.
Bei genauerem Hinsehen verschiebt sich das Bild. In den großen Phase-III-Studien erlebte etwa die Hälfte der Patienten in den ersten Wochen mindestens eine Nebenwirkung. Bei Langzeitbehandlung über ein Jahr stieg dieser Anteil in den großen Meta-Analysen auf 83 bis 93 Prozent. Diese Zahl umfasst alle unerwünschten Ereignisse, einschließlich vergleichsweise harmloser Infekte – und genau darin liegt die Pointe. Was bei einem Gesunden ein dreitägiger Schnupfen wäre, ist unter pharmakologischer Immunmodulation eben kein harmloser Schnupfen mehr, sondern Ausdruck einer veränderten Abwehrlage. Je länger behandelt wird, desto mehr Patienten erfahren am eigenen Leib, dass ihr Immunsystem nicht mehr ist, was es einmal war.
Die spezifischen Risiken folgen einer Logik, die nicht überrascht, wenn man weiß, was Interleukin-17 im Körper eigentlich tut. Dieses Signalmolekül ist nicht zufällig vorhanden. Es schützt Schleimhäute, vor allem gegen Pilze, und es stabilisiert die Darmbarriere. Wer es blockiert, öffnet diese Fronten. In der Pharmakovigilanz sind die Folgen sauber dokumentiert: erhöhtes Risiko für Atemwegsinfekte, für Schleimhautpilze, und – als spezifisches Signal – das Auftreten oder Verschlechtern chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Auch Neutropenie, Uveitis (eine Entzündung des Augeninneren) und Signale für Malignome und schwere kardiovaskuläre Ereignisse werden seit Jahren beobachtet.
Und dann gibt es einen Punkt, der für die hier entwickelte Lesart von besonderer Bedeutung ist. Brodalumab, einer der wirksamsten IL-17-Rezeptor-Blocker, trägt eine sogenannte Black-Box-Warnung der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA – die strengste Warnstufe, die diese Behörde kennt. Anlass waren sechs Suizide unter Patienten in den klinischen Studien zum Medikament. Ein kausaler Zusammenhang zum Wirkstoff wurde nie hergestellt. Die offizielle Lesart der Hersteller und Fachgesellschaften lautet: Diese Menschen waren ohnehin schwer belastet – wegen ihrer Hautkrankheit, wegen Stigmatisierung, wegen der Last des chronischen Verlaufs.
Postmarketing-Auswertungen haben in den Jahren danach gezeigt, dass die Suizidraten unter Brodalumab nicht über denen anderer Psoriasis-Biologika liegen. Auf den ersten Blick ist das eine Entlastung des Medikaments. Auf den zweiten Blick ist es das Gegenteil einer Entlastung. Denn wenn die Suizidraten quer durch alle modernen Behandlungen hindurch ähnlich hoch bleiben, dann liegt das Phänomen nicht am einzelnen Wirkstoff. Es liegt an etwas, das unter all diesen Wirkstoffen unverändert weitergeht. An einer inneren Verfassung, die durch keine dieser Behandlungen erreicht wird, weil keine dieser Behandlungen sie zum Gegenstand hat.
Damit wird in dürren Studienzahlen sichtbar, was therapeutisch seit Jahren beobachtet wird. Psoriasis ist mit einer inneren Last verbunden, die Menschen bis an die äußerste Grenze tragen kann. Diese Last verschwindet nicht, wenn die Haut sich beruhigt. Sie ist kein Nebeneffekt der Hautkrankheit. Sie ist deren Geschwister. Und vielleicht ist sie nicht einmal das Geschwister, sondern der gemeinsame Boden, aus dem beides wächst.
Wer die Schichten dieses Krankheitsbildes ernst nimmt – die Hautplaques, die Stimmungslage, die Begleitphänomene –, sieht keine Hautkrankheit mit zufällig angelagerten Komorbiditäten. Er sieht eine innere Verfassung, die sich auf mehreren Ebenen zugleich zeigt, und die Haut ist die sichtbarste davon. Die Schulmedizin behandelt die sichtbarste, mit beeindruckender Wirksamkeit. Die anderen Ebenen nennt sie Komorbiditäten – wörtlich: Mit-Krankheiten – und teilt sie auf andere Fachgebiete auf. Die Psychiatrie übernimmt die Depression, die Gastroenterologie den Darm, die Augenklinik die Uveitis, die Kardiologie das erhöhte Herzinfarktrisiko. Jedes Fach hat seinen Befund und seine Leitlinie. Niemand fragt mehr, ob das alles zusammengehört.
Was am Ende behandelt wird, ist eine Symptomlandschaft, nicht der Mensch, in dem sie wächst. Und es liegt in der Logik des Vorgehens, dass dort, wo ein Signal unterdrückt wird, andere Signale entstehen. Wenn der Körper nicht mehr an der Haut sprechen darf, sucht er andere Stellen. Wenn er an einer Stelle still gehalten wird, wird er an einer anderen lauter. Was die Nebenwirkungslisten zeigen, ist möglicherweise nicht zufällig. Es ist die Wanderung eines inneren Geschehens, das auf eine Antwort wartet, die ihm niemand geben will.
Die Frage, die offen bleibt
Eine Beobachtung dazu, die diese Lesart in eine Richtung erweitert, die man leicht übersieht. Die Stellen an Knie und Ellenbogen erscheinen nicht nur am modernen, leistungsgetriebenen Menschen. Sie zeigen sich genauso an Menschen, die in traditionellen, spirituellen oder naturverbundenen Lebensformen stehen. Sie kennen vielleicht keinen digitalen Dauerlärm und keinen ökonomischen Vergleichszwang. Aber sie kennen andere Formen chronischer innerer Spannung – moralischen Druck, religiöse Selbstkontrolle, die Angst, einem Ideal nicht zu genügen, die Anpassung an spirituelle Hierarchien.
Wenn man das nebeneinanderlegt, beginnt etwas sichtbar zu werden. Es ist nicht die Moderne, die hier erkrankt, und es ist nicht das Traditionelle, das gesund hält. Die kulturelle Oberfläche wechselt – die innere Mechanik scheint dieselbe zu bleiben. Was diese Stellen möglicherweise gemeinsam haben, ist nicht eine Lebensform, sondern eine Verfassung: chronische innere Spannung unter Bedingungen eingeschränkter innerer Freiheit. Welches System einen Menschen umgibt, scheint dabei zweitrangig zu sein. Es geht um etwas, das tiefer sitzt.
Und an dieser Stelle stellt sich eine Frage, die offen bleiben darf. Was bedeutet es eigentlich, dass eine ganze Klasse von Erkrankungen Autoimmunerkrankungen heißt – Erkrankungen, bei denen der Organismus beginnt, sich gegen sich selbst zu richten? Es ist ein eigentümlicher Begriff. Er beschreibt eine Bewegung, die in der Natur eigentlich nicht vorgesehen ist. Ein Organismus, der gegen sich selbst kämpft, hat irgendwo den Unterschied zwischen Schutz und Selbstbeschädigung verloren. Zwischen dem, was bewahrt werden müsste, und dem, was angegriffen werden darf.
Vielleicht ist das die Frage, die unter dem Krankheitsbild liegt. Nicht nur: warum die Haut. Nicht nur: warum die Streckseiten. Sondern: was geschieht in einem Menschen, in dem die innere Trennung zwischen Selbstschutz und Selbstkampf nicht mehr klar gezogen werden kann. Eine Frage, auf die niemand eine fertige Antwort hat. Aber sie verdient, einmal gestellt zu werden.
Was gelesen werden will
Wer an Knie und Ellenbogen diese Stellen trägt, der trägt etwas. Nicht eine Krankheit, die ihm zugestoßen ist, sondern eine Sprache, die der Körper gefunden hat, weil eine andere Sprache nicht ausreichte. Die Stellen sagen etwas. Sie sagen es nicht laut, sie sagen es nicht eindeutig, und sie sagen es nicht für jeden gleich. Aber sie sagen etwas. Und wer therapeutisch hinschaut, lernt mit der Zeit, etwas davon zu hören.
Es geht hier nicht um eine Anleitung. Nicht um ein Versprechen. Nicht um eine Methode, die irgendetwas leisten könnte, das man andernorts kaufen kann. Es geht um eine Beobachtung, die so alt ist wie das Nachdenken über den Menschen, und die in den letzten Jahrzehnten von einer immer schmaler werdenden Medizin an den Rand gedrängt wurde, ohne dass sie aufgehört hätte, wahr zu sein.
Der Körper ist ein Buch. Es wird geschrieben, solange man lebt. Manche Seiten werden flüchtig beschrieben und blättern wieder weg. Andere werden tief eingedrückt und bleiben. Die Schrift an den Streckseiten ist eine der tieferen Schriften. Sie ist nicht da, um gelöscht zu werden. Sie ist da, um gelesen zu werden.
Und wer sie liest, beginnt vielleicht zu verstehen, dass es nicht die Haut ist, die hier krank ist. Es ist die Lebenslage, die nicht heilen darf, solange sie nicht angeschaut wird. Die Haut ist nur die Stelle, an der diese Lebenslage in die Welt hinausschaut.
Die Haut ist ein Brief. Wer ihn nicht öffnet, kann ihn auch nicht beantworten. Aber er hört nicht auf, geschrieben zu werden.
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Die psychosomatische Verbindung bei Trigeminusneuralgie: Ein holistischer Ansatz
Der direkteste Nachbar dieses Essays. Auch hier spricht der Körper an einer Stelle, die zur Geste gehört – und auch hier reicht es nicht, das Symptom zu dämpfen, solange die innere Verfassung dahinter ungelesen bleibt. Was im Psoriasis-Text die innere Last hinter den Streckseiten ist, trägt hier den alten Namen „suicide disease“.
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Ivermectin & Fenbendazol bei Krebs: Die Denkfalle
Derselbe Denkfehler in anderer Verpackung. Wer das Mittel tauscht, aber die Frage nach dem Wo und Warum nicht stellt, bleibt in derselben Falle – ob mit teurem Biologikum oder mit der Telegram-Dosierungstabelle.
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Bor/Borax und Krebs: Was die Forschung weiß – und verschweigt
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